Kreatin in der Produktentwicklung stellt Hersteller von Sportnahrung und Nahrungsergänzungsmitteln vor technische Herausforderungen: Wie bleibt Kreatinmonohydrat in Pulvern, Fruchtgummis, Riegeln und Getränken stabil? Welche Rolle spielen Reinheit, Körnung und Chargenkonstanz bei der Rohstoffauswahl? Robert Gielow, Gründer und Geschäftsführer von Mentry Pharma, ordnet die technischen Anforderungen ein und erklärt, warum Pulver derzeit die verlässlichste Form bleibt.

In unserer Reihe Ingredient Insider sprechen wir mit Fachleuten aus der Branche. Robert Gielow ist Gründer und Geschäftsführer bei Mentry Pharma und unterstützt ausländische Pharma- und Supplementmarken beim Eintritt in den deutschsprachigen Apotheken- und Pharmamarkt. Seit rund zweieinhalb Jahren beschäftigt er sich intensiv mit Kreatin. Sportlich kommt er aus der Leichtathletik: Gielow lief Mittelstrecke auf nationalem Niveau und trainierte mit einem Vollstipendium an einer US-Universität.

 

Kreatin und seine Herkunft

Gielow zufolge passt Kreatin in keine der üblichen Kategorien.

 

„Ich glaube, es ist eine Kategorie für sich. Es ist weder Vitamin noch Mineralstoff, also kein klassisches Nahrungsergänzungsmittel, wie wir es definieren würden.“

Robert Gielow, CEO, Mentry Pharma

 

Der Körper bildet Kreatin zum Teil selbst, ein weiterer Teil stammt aus Fleisch und Fisch. Gielow sieht darin einen Grund für die wachsende Bedeutung: Die Ernährung in westlichen Ländern wird pflanzlicher, und wie bei Vitamin B12 in veganer Ernährung müsse man dann wissen, welche Stoffe fehlen können.

Als Richtwert nennt Gielow rund 0,1 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht und Tag, bei 70 Kilogramm also etwa 7 Gramm. Zum Vergleich: Die International Society of Sports Nutrition (ISSN) nennt für die Erhaltung gefüllter Speicher 3 bis 5 Gramm täglich, der zugelassene EU-Health-Claim zur körperlichen Leistung setzt 3 Gramm voraus.

Für Vegetarier und Veganer sind Kreatinprodukte nach Gielows Darstellung geeignet, weil die synthetische Herstellung in großen Reaktoren vegane, Halal- und Anti-Doping-Zertifizierungen möglich mache.

Kreatinmarkt und Zielgruppen

Gielow beziffert den weltweiten Kreatinmarkt auf rund 1,4 Milliarden US-Dollar und verweist auf Prognosen, die bis 2030 mehr als 4 Milliarden erwarten. Marktforscher kommen je nach Abgrenzung zu unterschiedlichen Werten, rechnen aber übereinstimmend mit zweistelligen jährlichen Wachstumsraten. Als Vergleich nennt er den Proteinmarkt, der nach seinen Angaben vor zehn bis zwanzig Jahren noch ähnlich klein war.

Kreatin nutzen bisher nach Gielows Beobachtung überwiegend Männer. Bei Frauen sieht er ein verbreitetes Hindernis in der Sorge vor Wassereinlagerungen und zusätzlichem Körpergewicht. Solche Einlagerungen seien vorübergehend: Er rechnet mit zwei bis vier Wochen, danach gehe das Wasser größtenteils wieder verloren.

 

Kreatinforschung und Health Claims

Kreatin ist am Energiestoffwechsel der Zellen beteiligt, nicht nur in der Muskulatur, sondern auch im Gehirn, weshalb erforscht wird, ob es die kognitive Leistungsfähigkeit beeinflusst. Gielow kennt dazu erste Studien mit positiven Hinweisen, für einen Health Claim fehle jedoch teils noch die nötige Qualität. Die EU-Kommission hat einen entsprechenden Antrag mit der Verordnung (EU) 2026/1118 Ende Mai 2026 abgelehnt, gestützt auf die Bewertung der EFSA, die den Zusammenhang nicht als hinreichend belegt ansah. Das heiße nicht, dass Kreatin keinen Nutzen habe, sagt Gielow: Für eine tragfähige Aussage fehlten jedoch weitere Studien.

Zugelassen bleiben in der EU die Claims zur körperlichen Leistung bei kurzzeitigen, hochintensiven Belastungen und zur Muskelkraft von Erwachsenen über 55 Jahren mit Krafttraining, jeweils bei 3 Gramm täglich. Offen sind aus Gielows Sicht Dosis und Dauer: Für Effekte im Gehirn könnten nach Studien Mengen jenseits von 20 Gramm nötig sein, was Fragen zur dauerhaften Unbedenklichkeit aufwerfe.

Stabilität von Kreatin in Pulver und neuen Formaten

Die Nachfrage nach neuen Formaten wächst: Nach Gielows Erfahrung fragt fast jede Woche ein Fruchtgummihersteller an, wie ein Kreatinprodukt vermarktet werden könnte. Technisch ist das anspruchsvoll. Kreatin ist wasserlöslich und wird ohne Aufnahmebarriere verstoffwechselt, weshalb Pulver für ihn die sauberste und effektivste Form bleibt. In einer feuchten oder sauren Matrix wie einem Fruchtgummi wandelt es sich dagegen zu Kreatinin um, das den gewünschten Effekt nicht mehr liefert.

Analysen aus den USA stützen diese Einschätzung: Gielow zufolge enthielt etwa die Hälfte der untersuchten Produkte, überwiegend Fruchtgummis, kein oder kaum noch Kreatin, dafür Kreatinin. Auch Riegel sind keine einfache Lösung: Nach Gielows Erklärung enthält jedes Lebensmittel Restwasser, und das genügt grundsätzlich für den Zerfall. Körnung und Aufbau, etwa Pulverkern oder Glasur, müssen deshalb in Stabilitätstests geprüft werden, und ein Ergebnis aus der Laborküche ist nicht ohne Weiteres auf großindustrielle Anlagen übertragbar.

 

„Meistens werden diese Hürden erst abgebaut, wenn eine Marke irgendwann sagt: ‚Ich will das jetzt aber.‘ Dann müssen sich Lebensmitteltechniker ransetzen und schauen, wie sie das abgebildet bekommen.“

Robert Gielow, CEO, Mentry Pharma

Kreatinmonohydrat und seine Rohstoffqualität

Nach Gielows Erfahrung ist Kreatinmonohydrat nicht gleich Kreatinmonohydrat: Der Branchenschnitt beim Reinheitsgrad liegt bei 99 Prozent und mehr, doch je nach Herstellverfahren und Standort unterscheiden sich Reinheit, Dichte (also der tatsächliche Kreatingehalt) und Schwermetallwerte. Da chemische Prozesse nicht in jeder Charge exakt gleich ablaufen, empfiehlt er, Rohstoffe von Charge zu Charge anzusehen. Wer 100-Mesh-Ware bestellt, erhält im ungünstigen Fall ein Pulver, das in der Analyse bei 80 oder 140 liegt.

Die Körnungsgröße, im Fachjargon Mesh Size, reicht von 80 bis zu 300 und mehr. Als Goldstandard gelten aktuell 200 Mesh: Ein solches Pulver löst sich nach Gielow innerhalb von 30 bis 40 Sekunden in Wasser, ein Standardpräparat braucht zwei bis drei Minuten, und der typisch bittere Geschmack ist kaum noch wahrnehmbar. Bei noch feineren Körnungen staubt das Pulver beim Öffnen und Dosieren stark.

Auf Zertifikate allein verlässt sich Gielow nicht. Vor der Markteinführung ließ er seine Produkte zusätzlich in einem unabhängigen Labor prüfen, denn er habe nicht selten erlebt, dass nicht enthalten sei, was auf dem Etikett steht. Ein Beispiel aus seiner Praxis: Eine Magnesiumkapsel sollte laut Spezifikation 200 Milligramm enthalten, im Labor wurden rund 155 Milligramm gemessen, mehr als ein Fünftel weniger. Wie sich solche Prüfungen in ein umfassendes Qualitätsmanagement einordnen, erläutert unser Beitrag zu Lebensmittelsicherheit und Qualität.

 

Kreatin in der Produktentwicklung auf einen Blick

  • Pulver: stabil, nach Gielow die sauberste und effektivste Form
  • Fruchtgummi: Zerfall zu Kreatinin, gleichbleibende Qualität schwer zu erreichen
  • Riegel und Pudding: nach Gielows Kenntnis noch nicht am Markt, Einsatz in niedrigeren Dosierungen erwartet
  • Fertiggetränk: derzeit nicht stabil, in der Forschung bisher drei bis sechs Monate Haltbarkeit, der Handel erwartet 12 bis 24 Monate
  • Flasche mit Pulverdeckel: in den USA am Markt, in Deutschland noch nicht
  • Rohstoff: 200 Mesh als Goldstandard, Charge für Charge prüfen

Kreatinverträglichkeit und Einnahmehinweise

Zu Haarausfall und Nierenproblemen, die immer wieder mit Kreatin in Verbindung gebracht werden, sieht Gielow keine Grundlage. Die ISSN kommt in ihrem Positionspapier zu dem Schluss, dass es bei gesunden Personen keine überzeugenden Belege für schädliche Wirkungen von Kreatinmonohydrat gibt.

Magen-Darm-Beschwerden beobachtet Gielow gelegentlich bei Menschen mit gereizter Magenschleimhaut. Er empfiehlt, Kreatin dann zu einer Mahlzeit statt auf nüchternen Magen einzunehmen; notwendig sei eine Mahlzeit für die Verstoffwechselung aber nicht.

 

Zwei Fragen vor jeder Produktentwicklung

Bei der Entscheidung, ob er ein Projekt annimmt, stellt sich Gielow zwei Fragen: Braucht man das wirklich? Und würde ich es selbst nehmen? Sinnvoll findet er Entwicklungen mit echtem Bedarf. Dazu zählt für ihn auch der Aufbau von Kreatin als Kategorie, weil die Aufklärung in der Bevölkerung noch gering sei und bei den Formaten Entwicklungsspielraum bestehe. Gegenüber Trends aus den sozialen Medien bleibt er skeptisch: Nur weil etwas gehypt sei, heiße das nicht, dass es sinnvoll ist. Bei der Einordnung von Studien hilft ihm eine einfache Frage.

 

„Man darf sich immer die Frage stellen: Wer ist der Auftraggeber der Studie? Wer hat sie durchgeführt, mit welchem Ziel? Wer finanziert das mit welchem Interesse?“

Robert Gielow, CEO, Mentry Pharma

Fazit zur Produktentwicklung mit Kreatin

Kreatin ist gut erforscht, und der Markt wächst. Die Schwierigkeiten liegen nach Gielows Einschätzung vor allem in der Umsetzung: Pulver ist derzeit die verlässlichste Form, bei Fruchtgummis, Riegeln und Getränken entscheiden Stabilitätstests und konsequente Qualitätsprüfungen. Wer Kreatin in neue Formate bringen will, braucht einen Rohstoff mit belegter Reinheit und Chargenkonstanz sowie Geduld bei der Entwicklung.

Kreatin-Monohydrat gehört zum Sortiment des Protein & Ingredients Hub von The Ingredients Experts. Anfragen zu Spezifikationen und Verfügbarkeit nehmen wir gern entgegen.

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